Lustfahrten einst und heute
Kleine Chronik der Alsterschiffe

Die Alsterdampfer, die von den Hamburgern gern noch so genannt werden, obwohl die "Weiße Flotte"
längst schon aus modernen Schiffen besteht, gehören zu Hamburg wie der Michel und der Hafen. Das
liegt nicht nur an der langen Tradition der Alsterschiffahrt, sondern auch an ihrer Beliebtheit
bei Hamburgern und Hamburg-Besuchern.
Schon vor Jahrhunderten nahmen Lastkähne auf der Alster gelegentlich Passagiere mit. Ab zirka
1500 unternahmen die Hanseaten zudem in schon beachtlicher Anzahl auf der Alster Lustfahrten mit
Musik und benutzten dafür so genannte "Alsterschüten", mit Tisch und Bänken ausgestattete schwere
Ruderboote aus Eichenholz. So pries der Dichter Friedrich von Hagedorn (1708-1780) den großen See
mitten in der Stadt mit den Worten "Die Alster lehrt gesellig seyn".
Professioneller organisiert nahm die Alsterschiffahrt um 1800 ihren Anfang. Da sich zu der Zeit
die Anzahl der rund um die Alster wohnenden Menschen deutlich erhöht hatte, wurden nicht nur
Lustfahrten, sondern auch Fährverbindungen mit Ruderbooten für die Fahrt zur Arbeit angeboten.
Der aus Bremen stammende und auf der Uhlenhorst ansässige Assekuranzmakler Gustav Adolph Droege
hatte gut 50 Jahre später als Erster die Idee, einen regelmäßigen Linienverkehr mit Dampfschiffen
auf der Alster einzurichten. Nach langen Diskussionen und Prüfungen erhielt er vom Senat 1856 die
Konzession für seine Schiffslinie. Es konnte also losgehen. Für den Betrieb, dachte Droege, würde
sich hervorragend ein Rheindampfer eignen - doch der Raddampfer "Stadt Mülheim" schlug 1857 bei
der Überfahrt vom Rhein zur Elbe leck und damit versank die Idee im Elbwasser.
Erst mit rein Hamburger Hauptfiguren und vor allem einem auf einer Hamburger Werft gebauten Schiff
klappte die Sache. Am 15. Juni 1859 machte der Schraubendampfer "Alina" des Hamburger
Schiffsmaklers Johann Peter Parrau die Leinen los zur heute 150jährigen Geschichte der
Alsterschiffahrt. Das kleine auf der "Reiherstieg Schiffswerft und Kesselschmiede" erbaute
Dampfboot startete mit einem Linienbetrieb zum Mühlenkamp und nach Eppendorf. 3 bzw. 4 Schillinge
kostete die Fahrt, so dass sich fast jeder den Luxus dieser zuverlässigen Verkehrsverbindung
leisten konnte.
Später kamen Fährverbindungen zwischen dem Uhlenhorster Fährhaus und dem Fährdamm Harvestehude
und auch andere Anbieter dazu. Diese schlossen sich 1860 mit Parrau zu einem Verkehrsverbund mit
abgestimmtem Fahrplan und einem einheitlichen Tarifsystem zusammen. Sie benutzten die Anlegestege
und alle sonstigen Anlagen gemeinschaftlich. Das Angebot wurde in den Folgejahren nicht nur von
den Hamburgern aller Schichten und Klassen geschätzt, auch "Prominenz" kam an Bord. Für Kaiser
Wilhelm II wurde sogar ein Prunkboot gebaut, das Lohengrins Schwan nachempfunden war. Mit ihm
schipperte der Kaiser am 29. Oktober 1888 über die Alster, als er in der Hansestadt mit einem
feierlichen Akt den Freihafen einweihte.
1877 waren die Alsterschiffe erstmals auch in den Eilbekkanal eingefahren, ab 1890 pendelten sie
im Linienverkehr vom Jungfernstieg durch diesen Kanal bis zur Von-Essen-Straße. Zu der Zeit war
der Geschäftsmann Otto Wichmann Alleininhaber der gesamten Alsterflotte und lieferte sich harte
Preiskämpfe mit der Konkurrenz, den Pferdebahnen. In ihrer Blütezeit - Anfang des 20.
Jahrhunderts - fuhren über 30 Dampfer als öffentliche Verkehrsmittel über die Alster. Ihren
vollständig weißen Anstrich erhielten die Schiffe 1902 - dem Geburtsjahr der "Weißen Flotte".
Fast 11 Millionen Menschen beförderten die Alsterdampfer z.B. 1911 - und das auch die Nächte
durch im 30-Minuten-Takt.
In den Jahren vor dem 1. Weltkrieg übernahmen diese Aufgabe zunehmend Alsterdampfer neuen Typs, so
genannte Glattdecker mit durchlaufendem Heck. Sie schipperten über die Alster bis 1917 Kohlemangel
die Heizkessel stilllegte.
Nach Kriegsende, 1919, ging die Alsterschiffahrt in den Besitz der Hamburger Hochbahn AG über.
37 reparaturbedürftige Dampfer, 5 Schuten und 4 Kähne standen zur Verfügung, doch ihr Betrieb
rechnete sich zunächst nicht. Mitten in der Inflationszeit verpachtete die Hochbahn die
Alsterschiffahrt daher an die Bugsierfirma Lütgens & Reimers. 1924 startete sie mit neuem
Linienangebot, unter anderem zum Stadtpark. Zum Einsatz kamen neben 14 überholten Schiffen der
alten Flotte Barkassen aus dem Hafen, die preiswert und flexibel zu betreiben waren.
Im Februar 1935, dem Jahr, da die HOCHBAHN den Betrieb der Alsterschiffahrt wieder übernahm, wurde
mit großem Aufmarsch und Festreden das erste von zehn neuen Motorschiffen getauft - die allerdings
ihr Können nur wenige Jahre unter Beweis stellen konnten. Mit Beginn des zweiten Weltkrieges, am
28. August 1939, wurde die Alsterschiffahrt mit Ausnahme der Fährlinie zwischen Harvestehude und
Uhlenhorst eingestellt. Während die Binnenalster eine Tarnung erhielt, die gezielte Bombenabwürfe
auf die Lombardsbrücke und den Hauptbahnhof verhindern sollte, wurden die Alsterdampfer in den
Kanälen "versteckt" oder als Reserveschiffe auf der Elbe postiert. Trotzdem wurden einige von
ihnen von Bomben getroffen und zerstört. Ab dem Sommer 1946 allerdings waren die ersten Schiffe
schon wieder im Einsatz, zunächst für die Angehörigen der Besatzungsmacht.
"Die Alsterschiffe sind ein Symbol des Friedens", mit dieser Erklärung des 1. Bürgermeisters Max
Brauer nahmen die Alsterschiffe am 25. November 1946 auch für die Deutschen wieder ihren
Linienbetrieb auf. Rund 3,4 Millionen Fahrgäste nutzen in den 50er Jahren dieses Angebot. An die
Fahrgastzahlen ihrer Blütezeit aber vermochten die Alsterdampfer nicht mehr anzuknüpfen. Die Zeit
war schnelllebiger geworden und damit war die Lust der Hanseaten gesunken, die Fahrt zur Arbeit
besonders schön, aber auch ohne Eile zu gestalten. U-Bahn, Straßenbahn und Bus brachten ihre
Fahrgäste einfach schneller ans Ziel. Dafür aber nahm die touristische Auslastung der
Alsterschiffe stetig zu. Beliebt waren in den 50er Jahren zum Beispiel Alsterrund- und
Lampionfahrten bei Nacht, bei denen mit der "Goldbek", der "Eilenau" und der "Seebek" neue moderne
Schiffe eingesetzt wurden.
Als die Linienschifffahrt in den 70er Jahren ein steigendes Defizit verzeichnete, gliederte die
Hochbahn die Alsterschiffahrt aus dem Hochbahnbetrieb aus. Mit der Gründung der ATG
Alster-Touristik GmbH am 27. April 1977 wurde das Programm fast ganz auf touristisch interessante
Fahrten ausgerichtet. Kanal- und Fleetfahrten, Dämmertörns, Vierlande-Fahrten und auch die
Schiffscharter gewannen an Bedeutung. Der Linienverkehr fuhr 1983 mit nur noch 690.000 Fahrgästen
ein Defizit von 1,3 Millionen Mark ein. Am 7. Februar 1984 beschloss der Hamburger Senat deshalb,
die Linienschifffahrt ganz einzustellen. Aus ihr wurde quasi die Alster-Kreuz-Fahrt, die bis heute
die alten Anleger weiterhin bedient.
Die Umstellung war der Anlass für die Volksfürsorge Versicherungsgruppe
(Generali Versicherungen)
als Sponsor in das neue Konzept einzusteigen. Auch dank ihres Einsatzes ist die Alsterschiffahrt,
insbesondere die Alster-Kreuz-Fahrt, der Stadt Hamburg und ihren Gästen bis heute erhalten
geblieben. Ein weiterer für den Fortbestand wichtiger Schritt war, dass 1987 die ATG
Alster-Touristik GmbH von der Muttergesellschaft Hochbahn alle Schiffe und Einrichtungen sowie
Anlegestege kaufte. Mit moderner Flotte, darunter die zum exklusiven Salon-Schiff umgebaute
"Goldbek" fuhr sie auf Erfolgskurs in die Zukunft.

1990 nahm die "Schleusenwärter" ihre Fahrt auf, 1994 die "Quarteerslüüd" und 1998 die
"Alsterschipper". Sie alle sind Flachschiffe, die auch unter niedrigen Brücken hindurchfahren
können und daher bis heute auf den Touren durch die Kanäle, in die Fleete der Speicherstadt und
über die Dove-Elbe nach Bergedorf eingesetzt werden. Außerdem wurde 1995 erstmalig ein Cabrio
gebaut, 1996 folgte ein zweites und vier Jahre später wurde der damals weltgrößte Solarkatamaran
"Alstersonne" in Fahrt gesetzt.
Mit modernen und attraktiven Schiffen konnte die ATG Alster-Touristik GmbH also 2002 guten Mutes
ihr 25jähriges Jubiläum feiern. Sie tat es mit einer großen Ausstellung zur Geschichte der
Alsterschiffahrt, einem Feuerwerk auf der Binnenalster und der Herausgabe des Buches
"Alsterschiffahrt - Hamburger Sehenswürdigkeit auf dem Wasser", das Interessierte auch heute
noch bei der ATG (in der Bastion am Anleger Jungfernstieg) kaufen können.
Die weitere Stärkung der Flotte setzte die ATG 2003 mit der "Fleetenkieker", einem weiteren
Flachschiff, fort und 2004 mit der Restaurierung der letzten Barkasse auf der Alster, der "Aue".
Als bewegliches Kulturdenkmal fährt sie heute in der Saison an allen Sonnabenden, Sonn- und
Feiertagen vom Anleger Jungfernstieg über die Alster Richtung Osterbekkanal zum Museum der Arbeit
in Barmbek und zurück. Ihre Fahrgäste können die Fahrt für einen Museumsbesuch unterbrechen, auf
den Fahrschein gibt es Ermäßigung bei den Eintrittskarten. Die 1926 gebaute "Aue" gehörte zu den
ersten Motorschiffen auf der Alster und ist zugleich auch ein Oldie der 60er Jahre. Sie war -
modernisiert - eins der ersten mit Anlege-Magnet ausgerüsteten Alsterschiffe und konnte damit im
Einmann-Betrieb fahren.
Auch ein Jubiläum gab es im Jahr 2004 zu feiern - 20 Jahre Förderung der Alster-Touristik durch
die Volksfürsorge Versicherungsgruppe. Ihr wunderbares Engagement für die "Weiße Flotte" wird die
Volksfürsorge auf jeden Fall bis mindestens einschließlich 2010 fortsetzen.
Im Herbst des Jubiläumsjahres wurden die Arbeiten zur Neugestaltung des Jungfernstiegs begonnen.
Bis zu seiner festlichen Einweihung im Mai 2006 bewies die ATG, dass sie auch unter schwierigen
Bedingungen verlässlich und ohne Qualitätsverlust ihre Fahrten durchzuführen versteht. Von der
Neugestaltung des Anlegers profitierte auch sie. Anfang 2006 bezog sie ihr neues Betriebsgebäude,
die "Bastion" am Anleger Jungfernstieg, für den Fahrkartenverkauf gibt es am Anleger ein schönes
gläsernes Kartenhaus. Der Betrieb am Jungfernstieg ist seit dem Abbau der Bauzäune auch optisch
wieder ein voller Genuss und die Alsterdampfer fahren seitdem wieder in ruhigem Fahrwasser - mit
Ausnahme der "MS Osterbek". Der Alsterdampfer war 2005 bis 2008 als hamburgischer Botschafter auf
dem Mittellandkanal vor der Autostadt Wolfsburg im Einsatz.
Anfang 2006 wurde das neue Flachschiff "Alsterschwan" in die Flotte aufgenommen und als erster
Alsterdampfer als Hafenfahrzeug zugelassen. Mit der "Alsterschwan" konnten somit erstmals z.B.
Fahrten in die Speicherstadt oder nach Wilhelmsburg ohne Ausnahmegenehmigung durchgeführt werden.
2007 wurde dies auch für die anderen vier Flachschiffe erreicht. Zur Fußball-Weltmeisterschaft
stattete die ATG im Übrigen alle fünf Flachschiffe mit einem durch GPS satellitengesteuerten
Multi-Voice-System aus, so dass die Passagiere die Erläuterungen in den Sprachen Englisch,
Französisch, Spanisch und Mandarin-Chinesisch verfolgen können. Seit 2007 wird dieser Service auf
13 Alsterdampfern angeboten.
Das ökologisch gesehen zukunftsweisendste Projekt des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts fand
2008 einen erfolgreichen Abschluss. Am 29. August nahm mit der "FCS (fuel cell ship) Alsterwasser"
das weltweit erste im Linienverkehr eingesetzte brennstoffzellenbetriebene Fahrgastschiff auf der
Alster seinen Dienst auf. In einigen Jahrzehnten werden die Ölvorkommen der Welt knapp und in
punkto Umweltverschmutzung zeigt die Uhr "fünf vor zwölf". Beim Zemship (Zero Emission Ship)
riecht nichts nach Diesel und weder Kohlendioxid noch Feinstaub oder andere Schadstoffe werden in
die Luft gepustet. Nur harmloser Wasserdampf wird freigesetzt. In der Brennstoffzelle findet quasi
eine "umgekehrte Elektrolyse" statt. Wasserstoff und Sauerstoff verbinden sich zu Wasser. Bei
diesem Vorgang, der auch als "kalte Verbrennung" bezeichnet wird, entsteht elektrische Energie
für den Antrieb.
Fast zeitgleich mit dem Abschluss des Projektes wurde bei der ATG ein Wachwechsel vollzogen.
Bereits am 1. Januar 2008 war mit Gabriele Müller-Remer eine zweite Geschäftsführerin neben Jens
Wrage getreten, der seit 1984 mit sicherer Hand als Geschäftsführer der ATG agierte. Zum 1.
September 2008 trat Jens Wrage in den Ruhestand und Gabriele Müller-Remer übernahm die alleinige
Geschäftsführung.
Schon im Folgejahr hatte sie das große Jubiläum "150 Jahre Alsterschiffahrt" zu gestalten.
Angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise beging die ATG dies dezent hanseatisch zurückhaltend,
aber dennoch fröhlich und mit vielen Überraschungen für ihre Gäste. In der Europa-Passage
präsentierte das Traditionsunternehmen die bewegte Geschichte der Alsterschiffahrt mit einer
Ausstellung, die auch Dokumente enthielt, die bis dahin noch nie der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht wurden. Zudem konnten sich die Hamburger und Hamburg-Besucher in der den historischen
Originalen nachgebauten Alsterschüte "Else" über die Alster schippern lassen. Für die Kinder und
Jugendlichen an Bord der Alsterdampfer gab es ein wunderbares neues Kinderbuch zum Thema
Alsterschiffahrt als Geschenk und auch für die erwachsenen Gäste hatte die ATG auf vielen Fahrten
kleine Präsente als Überraschung parat.
Dem trubeligen Jubiläumssommer folgte ein ruhiger Winter. Ungewöhnlich lange - gut zweieinhalb
Monate - legte dickes Eis auf der Alster die winterlichen Punschfahrten der ATG im wahrsten Sinne
des Wortes auf Eis - dafür aber nutzen Zehntausende die Möglichkeit, wieder einmal über die Alster
zu spazieren. Erst am 19. März legte ein Alsterdampfer zur ersten Punschfahrt des Jahres 2010
vom Anleger Jungfernstieg ab. Gründonnerstag eröffnete die ATG die Saison mit der ersten
Kanalfahrt des Jahres. Viel Neues gibt es nach der ungewöhnlich langen Pause zu entdecken. So
können die Gäste der ATG zum Beispiel auf der Fleetfahrt sehen, dass sich in der HafenCity wieder
viel verändert hat.